Wölfing und Wolfersdorf -
Zeitreise durch die Geschichte Europas

Von Toni Wölfinger

Dpictureer Ort Wolfersdorf und daneben der Weiler Wölfing, beide zwölf Kilometer nördlich von Freising über dem Ampertal gelegen, sind auf der Landkarte nur zwei kleine unbedeutende Flecken. Und doch ziehen sich diese beiden Namen Wölfing und Wolfersdorf wie ein roter Faden durch die Zeitläufte der europäischen Geschichte, von der Gegenwart beispielsweise bis zurück ins Mittelalter: Damals ritten die Edlen zu Wolfersdorf im Gefolge von Stauferkönig Friedrich Barbarossa zur Kaiserkrönung nach Rom. Die Wurzeln ihres Namens, des Edelgeschlechtes der Wölfinger, reichen aber noch weiter zurück. Sie führen uns in eine Zeit, von der uns Sagen, Märchen und die ältesten und berühmtesten germanischen Heldenlieder berichten: das Hildebrandslied der Ostgoten und die Nibelungensage, die isländische Edda und das Beowulf-Epos, die ersten und wertvollsten germanischen Schriftzeugnisse überhaupt.

Die etymologischen Wurzeln dieser alten, uralten Freisinger „Wolfs“-Namen stammen tatsächlich aus der antiken frühgeschichtlichen Zeit, also noch vor der Völkerwanderung, der Römer und Christi Geburt. Denn es handelt sich um mystische und mythologische Namen und sie sind eng verknüpft mit den ältesten nordischen

Gottheiten:

Das Gotische wulfs, "Wolf" war das dem Wuotan heilige Tier. Nach der Edda sind zwei Wölfe, Geri und Freki (gierig und frech d.h. kühn), und zwei Raben, Huginn und Muninn (Gedanke und Erinnerung), Odins/Wotans ständige Begleiter. Die vom Edelgeschlecht der Wölfinger hervorgegangenen Wolffersdorffer führen folgerichtig die beiden Wölfe im Wappen. Jene begleiten Odin als seine Hunde, wenn er in seinen Wolkenmantel gehüllt auf windschnellem achtbeinigem Rosse Sleipnir auszieht. Der Wolf ist daher ein heil- und siegverkündendes Tier. Nach ihm hat neben den Wölfinger, Wolffersdorffern und denWelfen, von denen in der Folge noch näher die Rede sein wird, auch der älteste Schriftsteller unserer Literatur den Namen: Wulfila, der westgotische Bischof und Bibelübersetzer aus dem 4. Jahrhundert. Seit dieser Zeit ist „Wolf“ in Eigennamen nachweisbar, über alle deutschen Stämme verbreitet. Und daraus entwickelte sich der germanische Sippenname Wölfinger, die germanische Endung -ing bedeutet Sohn des Wolfs.

Die Goten und damit auch die Wölfinger stammen ursprünglich von der schwedischen Ostsee-Insel Gotland, von wo aus sie in vorchristlicher Zeit die Weichselmündung besiedelten und später ans Schwarze Meer und die Krim zogen. Archäologen haben in Mittel-und Osteuropa die Spuren von 500 Siedlungen gefunden. Aus dem Hohen Norden hatten die Goten auch ihren Glauben an Gaut und Odin/Wotan mitgebracht. Waldlichtungen waren die Tempel der Goten, dort brachten sie blutige Opfer dar.

Aber die alten Götter waren verbraucht und gaben keine Antworten mehr auf die Fragen der neuen Zeit. Seine Mutter aus Kappadokien brachte das vom Apostel Paulus in Vorderasien verkündete Christentum zu den Goten;: Wulfila, der erste germanische Bischof und Namensverwandter der Wölfinger, gehörte zu den ersten Germanen, die sich aus freien Stücken und außerhalb der römischen Zwangsherrschaft zu Christen taufen ließen. Von wegen gottheitsversessene Walkürenritter, wie sie die Wagnerianer in den Festspielen von Bayreuth sehen! Wulfila übersetzte die Bibel in die Sprache der Germanen: Die gotische Schrift entwickelte Wulfila, eigens für diese Bibel aus germanischen Runen und griechischen Buchstaben. Die Wulfila-Bibel wird heute im schwedischen Uppsala aufbewahrt, Codex Argenteus, die Silberbibel, wird sie auch genannt: Denn das Neue Testament ist mit Silbertinte und manche Blätter sogar mit goldenen Lettern auf purpurgefärbtem Pergament geschrieben.

Der Farbstoff wird aus dem Drüsensekret der Purpurschnecke gewonnen: 10.000 brauchte man für ein Gramm. Purpur war damals ausschließlich dem römischen Kaiser vorbehalten, unendlich kostbar und gerade richtig für die Heilige Schrift. Um das Jahr 510 wurde die Wulfila-Bibel in Ravenna in die gotische Volkssprache übertragen. Enthalten ist bereits das Vaterunser, gotisch „Vadda unsa“. Die Wulfila-Bibel war wertvoller Teil des Schatzes von Ostgotenkönig Theoderich, dem sagenhaften Dietrich von Bern. Die Bewohner der Wölfingerstraße in Wolfersdorf bei Freising wird es überraschen: Eben dort, im direkten Umkreis des berühmten Ostgotenkönigs Theoderich in Ravenna, taucht erneut in der Geschichte der Name Wölfinger auf! Die Vorgeschichte: Der Ostgotische Fürstensohn Theoderich wird am Hof des öströmischen Kaisers in Byzanz als Geisel erzogen. Dieser führt die Ostgoten zu Plünderungszügen durch die gesamte Balkanhalbinsel. Um den Abzug zu erkaufen ernennt der Kaiser in Ostrom Theoderich zum magister militum und zum patricius Italiens. Theoderich führt seine Ostgoten 488 nach Italien und besiegt den germanischen Söldnerführer Odoakar (dieser hatte 476 den letzten weströmischen Kaiser ermordet und sich zum Herrn Italiens gemacht) bei Ravenna. Theoderich gründet jetzt ein selbständiges Reich der Ostgoten in Italien.

Der prächtige Palast Theoderichs ist heute nur noch als Mosaik zu bewundern, in der Kirche Sant' Apollinare Nuovo in Ravenna, aus dem 500 Jahrhundert n. Chr. Theoderichs berühmtes Grabmal steht einen Steinwurf vom Bahnhof Ravenna entfernt. Hildebrand, Sohn des Heribrand, ist Berater, Erzieher und Waffenmeister Theoderichs. Im Zweikampf trifft Hildebrand auf seinen Sohn Hadubrand, der ihn nach glücklicher Rückkehr aus dem Hunnenreich nicht erkennt. Sein Neffe ist Wolfhart. Beschrieben wird Hildebrand als furchtloser, dabei sanftmütiger Mann, schön von Angesicht, gekrönt von goldenem Haar und hohem Verstand. Leicht erkannte man ihn an seinem roten Schild, das ihn als Gefährte seines 24 Jahre jüngeren Schülers Theoderich auswies. Den Kampf konnte er häufig mit einem einzigen, gewaltigen Streich entscheiden. Das tragische Ende des Kampfs zwischen Vater und Sohn fehlt im ältesten, als Bruchstück erhaltenen germanischen Heldenlied, dem Hildebrandslied. Es ist anno 830 auf den Außenseiten einer lateinischen Handschrift im Kloster Fulda eingetragen. Derselbe Stoff wie das „Ältere Hildebrantslied“ wird in spätmittelalterlicher Form als Ballade gesungen und ist etwa ab der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts weit verbreitet.

In einem Absatz heißt es wörtlich über das Kampfgeschehen: „Er erwüscht in bei der Mitte, da er an dem schwechsten was, Er schwang in hinder sich zu rucke wol in das grüne Gras: »Nun sag mir, du vil junger, dein Beichtvater wil ich wesen: Bist du ein junger Wölfinger, von mir magst du genesen... Auf der Homepage der Universität Tübingen, auf der im Internet die Hildebrandslieder veröffentlicht sind, fehlt auch nicht der Hinweis, dass Wölfinger eben der Sippenname Hildebrands ist. Und Wolfersdorf bei Freising , das 948 erstmals erwähnt wird, ist eine Gründung des Freisinger Hochstiftsministerialen Wolvot, der aus dem Edelgeschlecht der Wölfinger stammte, so stehts in den Annalen der Gemeinde Wolfersdorf und der Freisinger Dombibilothek. Eine zufällige Namensgleichheit?

Die Wölfinger aus Wolfersdorf und das Nibelungenlied

Wie kommt es, dass die real existierenden uralten Sippennamen Wölfinger und Wolfersdorf in den ältesten germanischen Heldendichtungen genannt werden? Historisch verbürgt ist, dass der Freisinger Hofministeriale Wolvot aus dem Edelgeschlecht der Wölfinger stammt und das 948 erstmals urkundlich erwähnte Wolfersdorf gegründet hat. Das Wölfing in der Nachbarschaft ist wohl eine weit ältere Siedlung. Dazu ein Blick in die germanische Sagenwelt: Im berühmten Hildebrandslied (wir berichteten) stehen sich Vater und Sohn aus der Sippe der Wölfinger im Kampf gegenüber. Und auch im jüngeren Nibelungenlied ist Hildebrand (der Wölfinger) der Waffenmeister des großen Gotenkönigs Theoderich, der in der Sage Dietrich (=Theoderich) von Bern (= Verona) genannt wird.

„Uns ist in alten Mären Wunder viel gesagt, von preisgekrönten Helden von Kühnheit unverzagt. von Freud und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen.

Von kühner Recken Streiten möget ihr nun Wunder hören sagen.“ So beginnt das weltbekannte Nibelungenlied. Es erzählt in zwei zusammenhängenden Teilen von der Ermordung des Drachentöters Siegfried durch die Burgunder und den Raub des Rheingoldes. Siegfried hatte es seinerseits zusammen mit der Tarnkappe dem von ihm besiegten Zwergenkönig Alberich abgenommen. Es ist der Stoff aus dem Richard Wagner im Auftrag des bayerischen Märchenkönigs Ludwig seinen „Ring der Nibelungen“ komponiert: In der „Walküre“ gibt Wagner seinen Helden Siegmund, Sieglinde und Siegfried einen Sippennamen – er lautet Wölfing. Im Nibelungenlied nimmt das Schicksal seinen Lauf: Siegfrieds trauernde Witwe wird die Gemahlin des Hunnenkönigs Attila. Um Rache zu üben und das ihr als Witwe Siegfrieds zustehende Rheingold zu bekommen lädt sie ihrerseits die gesamte Heldenschar zu Etzels Hof nach Ungarn ein. Es kommt zum Gemetzel. An der Wurzel stimmt die Sage mit der realen Geschichte überein: In der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern, wo sich Franken, Burgunder und Westgoten mit den Hunnen und verbündeten Ostgoten eine blutige Schlacht lieferten, ging es um auch um einen Schatz: das Gold von Rom, das Westgotenführer Alarich, der Alberich des Nibelungenlieds, nach dem Sieg über die Römer im Jahre 410 bei der Plünderung der Ewigen Stadt zusammengerafft hatte.

Am Ende überleben auf der Seite der Kämpfer für die Hunnen nur die Ostgoten. Hildebrand der Wölfinger und Dietrich nehmen die letzten lebenden Burgunder, Hagen und Gunther, gefangen. Dietrich übergibt Kriemhild die Gefangenen mit der Bitte, sie zu schonen. Kriemhild verspricht es. Um aber von Hagen das Versteck des Nibelungenhortes zu erfahren, läßt sie König Gunther töten. Als Hagen ihr dann immer noch nicht das Versteck verraten will, köpft Kriemhild ihn mit Siegfrieds Schwert. Daraufhin tötet Hildebrand der Wölfinger, der Lehr- und Waffenmeister Dietrichs, Kriemhild, da sie es als Frau wagte, einen Recken zu töten. So endet das Nibelungenlied.

Was haben nun Sage und Wirklichkeit gemeinsam, und wie läßt sich beides mit den Orten Wölfing und Wolfersdorf bei Freising und überhaupt mit Bayern verknüpfen? Über die Bajuwaren haben sich Generationen von Forschern die Köpfe zerbrochen. Erst die umfangreiche Arbeit von Archäologen in Gräbern im Raum zwischen Ingolstadt, Straubing, Erding und Linz und dabei vor allem auch im Tal der Isar rund um Freising, Landshut und Landau brachten es an den Tag: Unter der Herrschaft des Ostgotenkönigs Theoderich wuchsen Germanen aus verschiedenen Stämmen und die keltisch-römische Vorbevölkerung zusammen zum Volk der Bajuwaren. Gut möglich, dass sich welche aus Hildebrands Wölfinger-Sippe zur Sicherung der nördlichen Grenzregion in Bayern und Freising niederließen. Oder sie waren hierher geflohen, nachdem die Armeen der Feldherrn Belisar und Narses des oströmischen Kaisers Justinian die Ostgoten 50 Jahre nach dem Tod des großen Theoderichs besiegt hatten. Theoderich herrschte von 493 bis 526 über Italien, große Teile des heutigen Kroatiens und Bosniens, über Slowenien, die Provence, große Teile Österreichs und der Schweiz sowie über Bayern bis zur Donau. Hauptstadt war Ravenna.Und folgerichtig gibt es in der Poebene heute noch im Dialekt der Einwohner der Padania, die für die germanisch-gotische Sprache so typischen ö-, ä- und ü-Laute. Im Norden ließen sich unter Theoderichs Regentschaft die ersten „Bajuvarii“, die „Männer aus Böhmen“, bei Regensburg nieder.

In Altbaiern, wo entlang der Donau Elbgermanen aus Böhmen ansässig geworden waren, siedelte Theoderich Germanen aus allen Himmelsrichtungen an sowie eigene Gefolgsleute: Es kamen Goten, Thüringer – dieses Germanenvolk war eng und treu verbündet mit den Ostgoten, ihr Reich reichte damals bis an die gotische Reichsgrenze bei Regensburg –, es kamen Langobarden, Alemannen, Gepiden, Heruler, Skiren, Rugier und auch einige Franken. So entstanden Volk und Dialekt der Baiern, von Südtirol bis zum Fichtelgebirge und vom Lech bis zum Burgenland. An der Isar war die Gegend durch Fernstraßen aus spätrömischer Zeit sehr gut erschlossen: Am Nordrand des Isartals reihen sich deshalb die ersten Dörfer der Bajuwaren auf wie Perlen an einer Kette.

Historisch verbürgt ist der erste bayerische Herzog namens Garibald I. (vor 555-ca. 591). Er stammte, wie alle bayerischen Herzöge bis zur Beseitigung des Stammes­herzogtums 788, gemäß einer Bestimmung der ältesten bayerischen Rechtsaufzeich­nung, der Lex Baiuvariorum, aus dem Geschlecht der Agilolfinger. Sie erlangten so zeitweise eine fast königsgleiche Stellung. In der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, also der Zeit Karls des Großen und Herzog Tassilos III. von Bayern, tauchen schließlich die ersten Edlen auf, deren Namenssilben auf die in und um Feising ansässigen Wölfinger und Wolffersdorffer verweisen: Ratolt und Uolf. Urolfus (917) und Wolfoldus (969) sind später Äbte im Benediktinerkloster Benediktbeuren. Und 1070 ist ein „Wolvoldus de Wolfoltesdorf, Nobilis“ Domherr zu Freising.

Der Wolfsname und das Wolfswappen führt auch in die Bischofstadt Passau: Die Dreiflüssestadt führt den Wolf seit dem berühmten Bischof Wolfher im Stadtwappen. Und es ist gut möglich, dass es der Wolf aus dem Wappen der Edlen zu Wolfersdorf ist. Name und Geschichtsschreibung verraten: Wolfher, Fürstbischof, 31. Bischof von Passau (1191 bis 1204), war erst nach dem Tode seiner Frau, einer Edlen aus dem niederösterreichischen Ort Erla an der Enns, zum Priester und Bischof geweiht geworden. Womöglich hatte er als „Zugeheirateter“ die Besitztümer seiner verstorbenen Gemahlin an die Angehörigen zurückgeben müssen und war deshalb notgedrungen in den geistlichen Stand getreten?

Berühmt wurde Bischof Wolfher vor allem als Förderer der Literatur und der Musik. Der Minnesänger Walther von der Vogelweide gehörte nachweislich zum literarischen Kreis des Bischofs. Und hier schließt sich auch der „Ring der Nibelungen“: Am Hofe Wolfhers, des Bischofs von Passau, ist die Endfassung des Nibelungenliedes entstanden. Der namentlich unbekannte Dichter erwähnt darin sogar lobend einen Bischof Pilgrim von Passau, eine Verbeugung des Dichters vor Wolfher, Bischof von Passau.

War Wolfher ein direkter Nachfahre Hildebrands, des sagenhaften Helden der Sage? Und taucht deshalb der Sippenname „Wölfinger“ der Wolffersdorffer in den Sagen auf? Wolfher war 1195 auch in die Konfliktlösung nach der Geiselnahme des englischen Königs Richards I. Löwenherz eingeschaltet, nahm 1197/98 am Kreuzzug teil, vermittelte zwischen Kasier und Papst und wurde 1204 sogar Patriarch von Aquileja in Friaul. Dort starb er 1218. Sein Wissen um die Ursprünge nahm Bischof Wolfher, Auftraggeber des sagenhaften Nibelungenliedes, mit ins Grab.

ePost:
Toni.Woelfinger@t-online.de

Dulo Gesellschaft
Postfach 9
BG-7006 Russe
Bulgarien
www.kanatangra.wallst.ru

íàçàä


goutsoullac@rambler.ru

p: