D Die etymologischen Wurzeln dieser alten, uralten Freisinger „Wolfs“-Namen
stammen tatsächlich aus der antiken frühgeschichtlichen Zeit, also noch vor der
Völkerwanderung, der Römer und Christi Geburt. Denn es handelt sich um mystische
und mythologische Namen und sie sind eng verknüpft mit den ältesten nordischen
Gottheiten:
Das Gotische wulfs, "Wolf" war das dem Wuotan heilige Tier. Nach der Edda sind
zwei Wölfe, Geri und Freki (gierig und frech d.h. kühn), und zwei Raben, Huginn
und Muninn (Gedanke und Erinnerung), Odins/Wotans ständige Begleiter. Die vom
Edelgeschlecht der Wölfinger hervorgegangenen Wolffersdorffer führen
folgerichtig die beiden Wölfe im Wappen. Jene begleiten Odin als seine Hunde,
wenn er in seinen Wolkenmantel gehüllt auf windschnellem achtbeinigem Rosse
Sleipnir auszieht. Der Wolf ist daher ein heil- und siegverkündendes Tier. Nach
ihm hat neben den Wölfinger, Wolffersdorffern und denWelfen, von denen in der
Folge noch näher die Rede sein wird, auch der älteste Schriftsteller unserer
Literatur den Namen: Wulfila, der westgotische Bischof und Bibelübersetzer aus
dem 4. Jahrhundert. Seit dieser Zeit ist „Wolf“ in Eigennamen nachweisbar, über
alle deutschen Stämme verbreitet. Und daraus entwickelte sich der germanische
Sippenname Wölfinger, die germanische Endung -ing bedeutet Sohn des Wolfs.
Die
Goten und damit auch die Wölfinger stammen ursprünglich von der schwedischen
Ostsee-Insel Gotland, von wo aus sie in vorchristlicher Zeit die Weichselmündung
besiedelten und später ans Schwarze Meer und die Krim zogen. Archäologen haben
in Mittel-und Osteuropa die Spuren von 500 Siedlungen gefunden. Aus dem Hohen
Norden hatten die Goten auch ihren Glauben an Gaut und Odin/Wotan mitgebracht.
Waldlichtungen waren die Tempel der Goten, dort brachten sie blutige Opfer dar.
Aber die alten Götter waren verbraucht und gaben keine Antworten mehr auf die
Fragen der neuen Zeit. Seine Mutter aus Kappadokien brachte das vom Apostel
Paulus in Vorderasien verkündete Christentum zu den Goten;: Wulfila, der erste
germanische Bischof und Namensverwandter der Wölfinger, gehörte zu den ersten
Germanen, die sich aus freien Stücken und außerhalb der römischen
Zwangsherrschaft zu Christen taufen ließen. Von wegen gottheitsversessene
Walkürenritter, wie sie die Wagnerianer in den Festspielen von Bayreuth sehen!
Wulfila übersetzte die Bibel in die Sprache der Germanen: Die gotische Schrift
entwickelte Wulfila, eigens für diese Bibel aus germanischen Runen und
griechischen Buchstaben. Die Wulfila-Bibel wird heute im schwedischen Uppsala
aufbewahrt, Codex Argenteus, die Silberbibel, wird sie auch genannt: Denn das
Neue Testament ist mit Silbertinte und manche Blätter sogar mit goldenen Lettern
auf purpurgefärbtem Pergament geschrieben.
Der Farbstoff wird aus dem
Drüsensekret der Purpurschnecke gewonnen: 10.000 brauchte man für ein Gramm.
Purpur war damals ausschließlich dem römischen Kaiser vorbehalten, unendlich
kostbar und gerade richtig für die Heilige Schrift. Um das Jahr 510 wurde die
Wulfila-Bibel in Ravenna in die gotische Volkssprache übertragen. Enthalten ist
bereits das Vaterunser, gotisch „Vadda unsa“. Die Wulfila-Bibel war wertvoller
Teil des Schatzes von Ostgotenkönig Theoderich, dem sagenhaften Dietrich von
Bern. Die Bewohner der Wölfingerstraße in Wolfersdorf bei Freising wird es
überraschen: Eben dort, im direkten Umkreis des berühmten Ostgotenkönigs
Theoderich in Ravenna, taucht erneut in der Geschichte der Name Wölfinger auf!
Die Vorgeschichte: Der Ostgotische Fürstensohn Theoderich wird am Hof des
öströmischen Kaisers in Byzanz als Geisel erzogen. Dieser führt die Ostgoten zu
Plünderungszügen durch die gesamte Balkanhalbinsel. Um den Abzug zu erkaufen
ernennt der Kaiser in Ostrom Theoderich zum magister militum und zum patricius
Italiens. Theoderich führt seine Ostgoten 488 nach Italien und besiegt den
germanischen Söldnerführer Odoakar (dieser hatte 476 den letzten weströmischen
Kaiser ermordet und sich zum Herrn Italiens gemacht) bei Ravenna. Theoderich
gründet jetzt ein selbständiges Reich der Ostgoten in Italien.
Der prächtige
Palast Theoderichs ist heute nur noch als
Mosaik zu bewundern, in der Kirche Sant' Apollinare Nuovo in Ravenna, aus dem
500 Jahrhundert n. Chr. Theoderichs berühmtes Grabmal steht einen Steinwurf vom
Bahnhof Ravenna entfernt. Hildebrand, Sohn des Heribrand, ist Berater, Erzieher
und Waffenmeister Theoderichs. Im Zweikampf trifft Hildebrand auf seinen Sohn
Hadubrand, der ihn nach glücklicher Rückkehr aus dem Hunnenreich nicht erkennt.
Sein Neffe ist Wolfhart. Beschrieben wird Hildebrand als furchtloser, dabei
sanftmütiger Mann, schön von Angesicht, gekrönt von goldenem Haar und hohem
Verstand. Leicht erkannte man ihn an seinem roten Schild, das ihn als Gefährte
seines 24 Jahre jüngeren Schülers Theoderich auswies. Den Kampf konnte er häufig
mit einem einzigen, gewaltigen Streich entscheiden. Das tragische Ende des
Kampfs zwischen Vater und Sohn fehlt im ältesten, als Bruchstück erhaltenen
germanischen Heldenlied, dem Hildebrandslied. Es ist anno 830 auf den
Außenseiten einer lateinischen Handschrift im Kloster Fulda eingetragen.
Derselbe Stoff wie das „Ältere Hildebrantslied“ wird in spätmittelalterlicher
Form als Ballade gesungen und ist etwa ab der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts
weit verbreitet.
In einem Absatz heißt es wörtlich über das Kampfgeschehen: „Er
erwüscht in bei der Mitte, da er an dem schwechsten was, Er schwang in hinder
sich zu rucke wol in das grüne Gras: »Nun sag mir, du vil junger, dein
Beichtvater wil ich wesen: Bist du ein junger Wölfinger, von mir magst du
genesen... Auf der Homepage der Universität Tübingen, auf der im Internet die
Hildebrandslieder veröffentlicht sind, fehlt auch nicht der Hinweis, dass
Wölfinger eben der Sippenname Hildebrands ist. Und Wolfersdorf bei Freising ,
das 948 erstmals erwähnt wird, ist eine Gründung des Freisinger
Hochstiftsministerialen Wolvot, der aus dem Edelgeschlecht der Wölfinger
stammte, so stehts in den Annalen der Gemeinde Wolfersdorf und der Freisinger
Dombibilothek. Eine zufällige Namensgleichheit?
Die Wölfinger aus Wolfersdorf
und das Nibelungenlied
Wie kommt es, dass die real existierenden uralten Sippennamen Wölfinger und
Wolfersdorf in den ältesten germanischen Heldendichtungen genannt werden?
Historisch verbürgt ist, dass der Freisinger Hofministeriale Wolvot aus dem
Edelgeschlecht der Wölfinger stammt und das 948 erstmals urkundlich erwähnte
Wolfersdorf gegründet hat. Das Wölfing in der Nachbarschaft ist wohl eine weit
ältere Siedlung. Dazu ein Blick in die germanische Sagenwelt: Im berühmten
Hildebrandslied (wir berichteten) stehen sich Vater und Sohn aus der Sippe der
Wölfinger im Kampf gegenüber. Und auch im jüngeren Nibelungenlied ist Hildebrand
(der Wölfinger) der Waffenmeister des großen Gotenkönigs Theoderich, der in der
Sage Dietrich (=Theoderich) von Bern (= Verona) genannt wird.
„Uns ist in alten Mären Wunder viel gesagt,
von preisgekrönten Helden von Kühnheit unverzagt.
von Freud und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen.
Von kühner Recken Streiten möget ihr nun Wunder hören sagen.“
So beginnt das weltbekannte Nibelungenlied. Es erzählt in zwei zusammenhängenden
Teilen von der Ermordung des Drachentöters Siegfried durch die Burgunder und den
Raub des Rheingoldes. Siegfried hatte es seinerseits zusammen mit der Tarnkappe
dem von ihm besiegten Zwergenkönig Alberich abgenommen. Es ist der Stoff aus dem
Richard Wagner im Auftrag des bayerischen Märchenkönigs Ludwig seinen „Ring der
Nibelungen“ komponiert: In der „Walküre“ gibt Wagner seinen Helden Siegmund,
Sieglinde und Siegfried einen Sippennamen – er lautet Wölfing.
Im Nibelungenlied nimmt das Schicksal seinen Lauf: Siegfrieds trauernde Witwe
wird die Gemahlin des Hunnenkönigs Attila. Um Rache zu üben und das ihr als
Witwe Siegfrieds zustehende Rheingold zu bekommen lädt sie ihrerseits die
gesamte Heldenschar zu Etzels Hof nach Ungarn ein. Es kommt zum Gemetzel. An der
Wurzel stimmt die Sage mit der realen Geschichte überein: In der Schlacht auf
den Katalaunischen Feldern, wo sich Franken, Burgunder und Westgoten mit den
Hunnen und verbündeten Ostgoten eine blutige Schlacht lieferten, ging es um auch
um einen Schatz: das Gold von Rom, das Westgotenführer Alarich, der Alberich des
Nibelungenlieds, nach dem Sieg über die Römer im Jahre 410 bei der Plünderung
der Ewigen Stadt zusammengerafft hatte.
Am Ende überleben auf der Seite der Kämpfer für die Hunnen nur die Ostgoten.
Hildebrand der Wölfinger und Dietrich nehmen die letzten lebenden Burgunder,
Hagen und Gunther, gefangen. Dietrich übergibt Kriemhild die Gefangenen mit der
Bitte, sie zu schonen. Kriemhild verspricht es. Um aber von Hagen das Versteck
des Nibelungenhortes zu erfahren, läßt sie König Gunther töten. Als Hagen ihr
dann immer noch nicht das Versteck verraten will, köpft Kriemhild ihn mit
Siegfrieds Schwert. Daraufhin tötet Hildebrand der Wölfinger, der Lehr- und
Waffenmeister Dietrichs, Kriemhild, da sie es als Frau wagte, einen Recken zu
töten. So endet das Nibelungenlied.
Was haben nun Sage und Wirklichkeit gemeinsam, und wie läßt sich beides mit den
Orten Wölfing und Wolfersdorf bei Freising und überhaupt mit Bayern verknüpfen?
Über die Bajuwaren haben sich Generationen von Forschern die Köpfe zerbrochen.
Erst die umfangreiche Arbeit von Archäologen in Gräbern im Raum zwischen
Ingolstadt, Straubing, Erding und Linz und dabei vor allem auch im Tal der Isar
rund um Freising, Landshut und Landau brachten es an den Tag: Unter der
Herrschaft des Ostgotenkönigs Theoderich wuchsen Germanen aus verschiedenen
Stämmen und die keltisch-römische Vorbevölkerung zusammen zum Volk der
Bajuwaren. Gut möglich, dass sich welche aus Hildebrands Wölfinger-Sippe zur
Sicherung der nördlichen Grenzregion in Bayern und Freising niederließen. Oder
sie waren hierher geflohen, nachdem die Armeen der Feldherrn Belisar und Narses
des oströmischen Kaisers Justinian die Ostgoten 50 Jahre nach dem Tod des großen
Theoderichs besiegt hatten.
Theoderich herrschte von 493 bis 526 über Italien, große Teile des heutigen
Kroatiens und Bosniens, über Slowenien, die Provence, große Teile Österreichs
und der Schweiz sowie über Bayern bis zur Donau. Hauptstadt war Ravenna.Und
folgerichtig gibt es in der Poebene heute noch im Dialekt der Einwohner der
Padania, die für die germanisch-gotische Sprache so typischen ö-, ä- und
ü-Laute. Im Norden ließen sich unter Theoderichs Regentschaft die ersten
„Bajuvarii“, die „Männer aus Böhmen“, bei Regensburg nieder.
In Altbaiern, wo entlang der Donau Elbgermanen aus Böhmen ansässig geworden
waren, siedelte Theoderich Germanen aus allen Himmelsrichtungen an sowie eigene
Gefolgsleute: Es kamen Goten, Thüringer – dieses Germanenvolk war eng und treu
verbündet mit den Ostgoten, ihr Reich reichte damals bis an die gotische
Reichsgrenze bei Regensburg –, es kamen Langobarden, Alemannen, Gepiden,
Heruler, Skiren, Rugier und auch einige Franken. So entstanden Volk und Dialekt
der Baiern, von Südtirol bis zum Fichtelgebirge und vom Lech bis zum Burgenland.
An der Isar war die Gegend durch Fernstraßen aus spätrömischer Zeit sehr gut
erschlossen: Am Nordrand des Isartals reihen sich deshalb die ersten Dörfer der
Bajuwaren auf wie Perlen an einer Kette.
Historisch verbürgt ist der erste bayerische Herzog namens Garibald I. (vor
555-ca. 591). Er stammte, wie alle bayerischen Herzöge bis zur Beseitigung des
Stammesherzogtums 788, gemäß einer Bestimmung der ältesten bayerischen
Rechtsaufzeichnung, der Lex Baiuvariorum, aus dem Geschlecht der Agilolfinger.
Sie erlangten so zeitweise eine fast königsgleiche Stellung. In der zweiten
Hälfte des 8. Jahrhunderts, also der Zeit Karls des Großen und Herzog Tassilos
III. von Bayern, tauchen schließlich die ersten Edlen auf, deren Namenssilben
auf die in und um Feising ansässigen Wölfinger und Wolffersdorffer verweisen:
Ratolt und Uolf. Urolfus (917) und Wolfoldus (969) sind später Äbte im
Benediktinerkloster Benediktbeuren. Und 1070 ist ein „Wolvoldus de
Wolfoltesdorf, Nobilis“ Domherr zu Freising.
Der Wolfsname und das Wolfswappen führt auch in die Bischofstadt Passau: Die
Dreiflüssestadt führt den Wolf seit dem berühmten Bischof Wolfher im
Stadtwappen. Und es ist gut möglich, dass es der Wolf aus dem Wappen der Edlen
zu Wolfersdorf ist. Name und Geschichtsschreibung verraten: Wolfher,
Fürstbischof, 31. Bischof von Passau (1191 bis 1204), war erst nach dem Tode
seiner Frau, einer Edlen aus dem niederösterreichischen Ort Erla an der Enns,
zum Priester und Bischof geweiht geworden. Womöglich hatte er als
„Zugeheirateter“ die Besitztümer seiner verstorbenen Gemahlin an die Angehörigen
zurückgeben müssen und war deshalb notgedrungen in den geistlichen Stand
getreten?
Berühmt wurde Bischof Wolfher vor allem als Förderer der Literatur und der
Musik. Der Minnesänger Walther von der Vogelweide gehörte nachweislich zum
literarischen Kreis des Bischofs. Und hier schließt sich auch der „Ring der
Nibelungen“: Am Hofe Wolfhers, des Bischofs von Passau, ist die Endfassung des
Nibelungenliedes entstanden. Der namentlich unbekannte Dichter erwähnt darin
sogar lobend einen Bischof Pilgrim von Passau, eine Verbeugung des Dichters vor
Wolfher, Bischof von Passau.
War Wolfher ein direkter Nachfahre Hildebrands, des sagenhaften Helden der Sage?
Und taucht deshalb der Sippenname „Wölfinger“ der Wolffersdorffer in den Sagen
auf? Wolfher war 1195 auch in die Konfliktlösung nach der Geiselnahme des
englischen Königs Richards I. Löwenherz eingeschaltet, nahm 1197/98 am Kreuzzug
teil, vermittelte zwischen Kasier und Papst und wurde 1204 sogar Patriarch von
Aquileja in Friaul. Dort starb er 1218. Sein Wissen um die Ursprünge nahm
Bischof Wolfher, Auftraggeber des sagenhaften Nibelungenliedes, mit ins Grab.
ePost: Dulo Gesellschaft
er Ort Wolfersdorf und daneben der Weiler Wölfing, beide zwölf Kilometer
nördlich von Freising über dem Ampertal gelegen, sind auf der Landkarte nur zwei
kleine unbedeutende Flecken. Und doch ziehen sich diese beiden Namen Wölfing und
Wolfersdorf wie ein roter Faden durch die Zeitläufte der europäischen
Geschichte, von der Gegenwart beispielsweise bis zurück ins Mittelalter: Damals
ritten die Edlen zu Wolfersdorf im Gefolge von Stauferkönig Friedrich Barbarossa
zur Kaiserkrönung nach Rom. Die Wurzeln ihres Namens, des Edelgeschlechtes der
Wölfinger, reichen aber noch weiter zurück. Sie führen uns in eine Zeit, von der
uns Sagen, Märchen und die ältesten und berühmtesten germanischen Heldenlieder
berichten: das Hildebrandslied der Ostgoten und die Nibelungensage, die
isländische Edda und das Beowulf-Epos, die ersten und wertvollsten germanischen
Schriftzeugnisse überhaupt.
Toni.Woelfinger@t-online.de
Postfach 9
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Bulgarien
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